#113: Nachtnotizen
Ein Gastbeitrag von S. M. Gruber
In den letzten Monaten war es hier ein wenig stiller, denn ich habe ein Baby bekommen. Während meiner Elternzeit werde ich nach Inspiration und Laune schreiben, nicht nach selbst auferlegten Deadlines. Deshalb habe ich Essays von wundervollen Gastautor*innen für euch organisiert – vielen liebsten Dank fürs Schreiben und Lesen <3
Heute darf ich euch S. M. Gruber vorstellen. Sie lebt in Berlin, ist Autorin, Künstlerin, Lektorin und Lehrerin, geboren 1992 in Graz. Sie hat die #BerlinAuthors mitbegründet und veröffentlicht Kurzgeschichten, Lyrik und Essays. Als Mama eines gerade 10 Monate alten Babys ist sie nachts oft wach und teilt ungefilterte Gedanken aus dieser Zeit in ihren „Nachtnotizen“. Instagram: @sm_gruber
7.5.2026, 05:54 Uhr
Care-Arbeit ist auch für die eigenen Kinder unsichtbar, zumindest wenn es „Jungs“ sind.
Gestern habe ich mit Siebtklässlern in einer Vertretungsstunde eine Infografik von Quarks besprochen, da bald Muttertag ist. Es ging darum, wie viel echte Freizeit Frauen im Vergleich zu Männern haben.
Davor haben wir gesammelt, wer bei ihnen zu Hause was macht und es ist herausgekommen, dass bei allen Aufgaben die Mamas am häufigsten zuständig sind. Selbst bei der Kategorie Garten & Garage lagen sie gleich auf mit den Papas. 17 Mamas arbeiteten in Erwerbsarbeit und 19 Papas. Und trotzdem sind sie nicht darauf gekommen, dass das heißen muss, dass ihre Mamas weniger Freizeit haben. Selbst nach Besprechen der Grafik ist es nicht angekommen, obwohl daraus klar ersichtlich war, dass Frauen zwar oft weniger lange Arbeitszeiten haben, aber ca. 6 Stunden weniger echte Freizeit pro Woche zur Verfügung haben.
Weil: „Wenn Mama mit den Kindern spielt, ist das doch auch Freizeit, das macht sie gerne! Und ich helfe ja auch beim Putzen, manchmal geht Papa einkaufen…. Mein Papa arbeitet manchmal 24/7, weil er mehrere Tage auf Dienstreise geht.“ Die Mädchen haben dazu nicht viel gesagt, sie haben aber auch öfter als die Jungs angegeben, dass sie putzen, kochen und auf die kleinen Geschwister aufpassen.
Hilfe - wo fängt man da an?!
23.5.2026, 19:48 Uhr
Manche Menschen sind extrem unhilfreich. Sie gehen keinen Millimeter zur Seite, wenn man mit einem Kinderwagen aus dem Lift kommt oder in einen Bus einsteigen möchte. Sie verstehen auch nicht, dass sie auf dem Kinderwagenplatz stehen/sitzen, bis man sie direkt darauf anspricht und sie bittet, wegzugehen. Sie bieten auch keine Hilfe an, wenn man ratlos vor einer Treppe steht, weil der Aufzug wieder mal kaputt ist. Am aller wenigsten hilfreich sind weiße Männer. Andere Mamas - mit Kinderwagen oder Kind(ern) auf dem Arm und am Rockzipfel hängend - und ich, wir lächeln uns resignierend zu, ein Zeichen der Solidarität. Am häufigsten sind es übrigens nicht-weiße Männer, die mir helfen. Letztens stand ich in der Bustür, die eine Hälfte des Kinderwagens noch im Bus, und konnte nicht aussteigen, weil der Abstand zu hoch war (der Busfahrer, der sich ehrlich gesagt eh davor auch schon wie ein Arschloch benommen hat, hat den Bus nicht richtig an den Bordstein heran gefahren). Ich habe in den Bus hinein gefragt, ob mir bitte jemand kurz helfen kann, den Kinderwagen herauszuheben. Drei junge weiße Männer, die direkt daneben standen und saßen, haben mich nur angeschaut und kein Ohrwaschl gerührt (wie meine Mama sagen würde). Ein sehr netter arabisch aussehender Mann ist dann aus dem hinteren Busteil nach vorne geeilt, um mir zu helfen. Und das ist nur eines der vielen Beispiele. Woran liegt das bitte?
6.6.2026, 21:40 Uhr
Der andere Elternteil ist genauso fähig wie man selbst. Wir machen Dinge vielleicht unterschiedlich, aber am Ende liegt ein sattes, mehr oder weniger sauberes, zufriedenes Kind im Bett und schläft, wie ein Baby eben schläft.
Im Herzen bin ich ein Kontrollfreak, aber auch wenn mein Mann an dieser Stelle vielleicht widersprechen würde, bemühe ich mich doch sehr darum, diese Seite von mir unter Verschluss zu halten, soweit möglich. Denn natürlich ist es komplett egal, ob das Kind feste Nickerchen-Zeiten hat und in welcher Reihenfolge es Brei, Flasche und Fingerfood gibt. Bei Papa gibt es Struktur und Routinen, bei Mama wird geschlafen, wenn man müde ist, und zu essen gibt es, worauf wir gerade Lust und wofür Energie haben. Bei Mama gibt es vor dem Schlafengehen Michael Endes Zauberspruch gegen böse Träume, bei Papa gibt es Twinkle, twinkle little star in Dauerschleife. Nur die Milch zum Einschlafen, die gibt es immer.
19.6.2026, 21:03 Uhr
Wenn dein Kind immer in eurem Bett schläft und dann plötzlich nicht mehr, dann fehlt etwas. Ich hätte nicht gedacht, dass ich so sentimental bin, Baby schläft ja immer noch neben mir, nur einen halben Meter weiter unten im Bettchen daneben. Da ist nicht mal ein Gitter zwischen uns, ich muss nur die Hand ausstrecken und spüre schon einen warmen Fuß oder ein verschwitztes Köpfchen, einen in die Höhe gestreckten Windelpopo oder ein leise schnarchendes Stupsnäschen. Aber mit einem Patschehändchen im Gesicht einschlafen und einem Tritt in die Rippen aufwachen, das geht nicht mehr. Wir alle drei schlafen so entspannter, Baby kann nach Lust und Laune im eigenen Bettchen Helikopter schlafen, mein Mann und ich könnten wieder kuscheln (gerade genießen wir noch, dass wir uns in alle Richtungen strecken können, ohne jemanden zu zerquetschen), aber ein bisschen vermisse ich es trotzdem. Ein bisschen sehr.
Aber durchschlafen ist halt auch echt premium.
22.6.2026, 21:17 Uhr
Babys entwickeln sich unterschiedlich schnell - und trotzdem vergleicht man sich. Immer. Oder geht es nur mir so?
Wenn dein Kind 9 Monate alt ist und mehr kann als das andere Kind mit 10 Monaten, da ist man doch ein bisschen stolz, oder? Dabei ist das komplett unnötig. Wir tun alle unser bestes, um unsere Kinder nach besten Wissen und Gewissen zu fördern. Alle Eltern, die dort hingehen, wollen offensichtlich, dass ihr Kind wertvollen Input bekommt und kümmern sich. Wir sind nicht die besseren Eltern, nur weil unser Kind schon frei stehen, sich im Gehen wo entlanghangeln und Speed-Krabbeln wie ein Weltmeister kann, während ein anderes sich gerade mal auf den Bauch und wieder zurück drehen kann. Wenn überhaupt, sind wir die müderen Eltern. Rational weiß ich das alles, aber insgeheim freue ich mich riesig über jedes „Wow, da ist dein Baby aber früh dran!“
23.6.2026, 06:06 Uhr
Ein Baby führt nicht dazu, dass eine Beziehung auseinander bricht. Es kann auch dazu führen, dass die Beziehung noch besser wird. Auch wenn 99,5% unserer Streits nur stattfinden, weil wir zu wenig geschlafen haben.
Meinem Mann beim Papa-Werden zuzusehen, hat mir noch einmal eine ganz neue Seite von ihm gezeigt. Ich könnte stundenlang auf den Babymonitor vor mir starren und dabei zusehen, wie Baby mit seiner Hand kuschelt, aber ich muss gleich los zur Arbeit. Ich weiß, dass ich im laufe des Tages süße Videos und Fotos bekommen werde und dass wir nach der Arbeit wieder kaum Zeit füreinander haben werden. Ich werde nach Hause kommen, ich werde mit Baby Yoga machen und spielen und Wäsche abnehmen, während mein Mann eine Runde joggen geht und Abendessen für uns kocht. Dann werden wir zu dritt gemeinsam essen, und dann müssen Baby und ich auch schon wieder ins Bett. Dazwischen werden wir vielleicht kurz streiten, wenn wir sehr müde sind, wegen irgendeiner Kleinigkeit, aber dann werden wir uns ganz schnell wieder versöhnen, weil wir beide wissen, dass es lächerlich ist. Unser Baby sieht uns zu und das tut uns gut. Wir wollen zeigen, dass man sich ruhig streiten darf, wenn man sich danach in Ruhe ausspricht. Wir atmen durch und suchen das Gespräch, weil wir einmal gelesen haben, dass stumme, unausgefochtene Konflikte Babys am meisten stressen. Wir zeigen uns Zuneigung, wenn Baby zusieht, und wir entschuldigen uns, wenn wir etwas falsch machen. Wir wissen, wie viel der jeweils andere gibt, damit unser Alltag so rund laufen kann, und wir sprechen es aus, bedanken uns dafür, damit auch Baby lernt, wie echte Wertschätzung geht. Und wir meinen es so.
2.7.2026, 23:41 Uhr
Baby-Pause heißt Baby-Pause - nicht Baby-Abschied. Auch, wenn es sich anfangs so anfühlt.
Mittlerweile dürfte allen klar sein, dass man sein Leben neu organisieren muss, sobald so ein kleiner neuer Mensch dazukommt. Es fühlt sich in den ersten Monaten so an, als wäre jetzt alles ganz anders, als hätte man sein bisheriges Leben am Kreißsaaleingang abgegeben. Aber je älter mein Baby wird, desto mehr Teile des „Vorhers“ hole ich mir zurück. Nach sechs Monaten wieder arbeiten zu gehen, war ein großer Schritt. Es hat ein wenig gedauert, bis ich mit Kopf und Körper wirklich wieder im Arbeitsmodus angekommen war, aber ich würde es immer wieder so machen.
Und auch beim Schreiben bin ich langsam wieder soweit, andere Texte als immer nur diese Nachtnotizen schreiben zu können. In meinem Kopf ist wieder Platz für neue, ausgedachte Geschichten, statt nur für Alltagsverarbeitung.
Ich habe immer noch eine leichte Rektusdiastase, meine Haltung ist noch nicht wieder so gut wie früher, ich schlafe noch etwas zu wenig (aber das war früher auch schon so) und eine richtige Date Night außer Haus hatten wir erst einmal in den letzten zehn Monaten. Es ist noch einiges zurückzuholen, aber es ist auch schon vieles wieder da, von dem ich mich innerlich bereits verabschiedet hatte.
Es ist gut, dass sich unsere Gehirne mit einem Baby neu organisieren und Prioritäten anders setzen, aber du kannst dir sicher sein: Du bist immer noch da drin und je selbstständiger dein Baby wird, desto mehr kommst du wieder zu deinen Hobbys und dem, was dich abseits des Elterndaseins ausmacht.
Also Sofia, in ein paar Monaten schreibst du hier wieder selbst, da bin ich mir ganz sicher - und ich freue mich wahnsinnig drauf, dann wieder von dir zu lesen.
Fast jeden Sonntag ist ein Newsletter über Medizinisches, Feministisches und Politisches mit einer gelegentlichen Prise Literarischem. Er erscheint ein- bis zweimal im Monat. Wenn ihr mir eine Freude machen wollt: Teilt diesen und andere Texte mit euren Freund*innen.





Herzlichen Glückwunsch liebe Sofia, und schön dass du Gastbeiträge einlädst. Die Nachtnotizen haben mich total abgeholt!
Ich sagte kürzlich Mal zu meinem Exfreund (mit dem ich 8 Jahre nach der Trennung befreundet bin): "Wenn du eine Frau mit Selbstwert an deiner Seite haben möchtest, dann darfst du sie eben auch entsprechend behandeln.". Er lachte und meinte:"Ja, haha, das schon, aber ich trage ihr auch nicht den Arsch nach, dafür bin ich zu deutsch."
Und ich weiß, dass er mit den Arsch nachtragen Dinge meint, die für den türkischen Mann an meiner Seite ganz selbstverständlich sind. Ich finde, die deutschen Frauen dürfen noch einiges lernen in Sachen "Empfangen" und dass das so gar nichts mit Abhängigkeit oder Minderwert zu tun haben muss, wenn man nicht alles selbst macht. Da ist in unserer Kultur leider einiges aus dem Ruder gelaufen.